Chronik-Kapitel: Die Entwicklung der Jagd im Gäu

Von der Französischen Revolution bis zur modernen Revierjagd


Vorwort

Die Jagd im Gäu blickt auf eine lange, bewegte und von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägte Geschichte zurück. Was heute als verantwortungsvolle, gesetzlich geregelte und nachhaltig ausgeübte Jagd selbstverständlich erscheint, war über Jahrhunderte hinweg ein Privileg weniger. Erst politische Veränderungen, wirtschaftliche Notzeiten und neue gesetzliche Grundlagen formten jene Strukturen, auf denen unsere heutigen Jagdgesellschaften aufbauen.

Dieses Kapitel soll nicht nur informieren, sondern auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wie eng die Jagd mit der regionalen Kultur, der Landschaftspflege und dem gesellschaftlichen Wandel verbunden ist. Die Geschichte unseres Reviers ist ein Spiegel der Entwicklung des gesamten Gäus – und ein Fundament, auf dem wir heute stehen.


Hauptkapitel

1. Die Französische Revolution und der Wandel der Jagdrechte

Mit der Französischen Revolution (ab 1789) änderte sich die Jagd grundlegend.
Was zuvor ein Vorrecht der «Gnädigen Herren» und der städtischen Obrigkeiten war, wurde im Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Bürger geöffnet.

Neu galt:
Jeder, der ein Jagdpatent erwarb, durfte jagen.

Folgen dieser Öffnung

  • Starker Anstieg kleiner Raubtiere (Fuchs, Marder, Wiesel)

  • Zunahme von Raubvögeln

  • Kantonale Abschussprämien sogar für Uhu, Fischreiher und Elster

  • Rehwild und Hasen wurden stark dezimiert

  • Nach dem Ersten Weltkrieg waren Felder und Wälder nahezu leergeschossen

  • Wilderei nahm massiv zu

  • Gesetze wurden kaum mehr beachtet

Diese Entwicklung machte deutlich: Die freie Patentjagd war nicht nachhaltig.


2. Das Jagdgesetz von 1927 – Der erste grosse Reformversuch

Um die Wildbestände zu schützen und die Jagd zu ordnen, legte der Kanton Solothurn 1927 erstmals ein umfassendes Jagd- und Vogelschutzgesetz vor.

Kernpunkt: Einführung der Revierjagd

Ein klar abgegrenztes Gebiet sollte:

  • an die meistbietende Jägergruppe verpachtet werden

  • mit klaren Rechten und Pflichten

  • mit Verantwortung für Hege, Pflege und nachhaltige Nutzung

Abstimmungsergebnis 1927

  • Neuendorf: 112 Ja / 27 Nein

  • Kanton: Vorlage abgelehnt

Der erste Versuch scheiterte knapp.


3. Der zweite Anlauf 1931 – Der Durchbruch

1931 kam die Vorlage erneut vors Volk – diesmal mit Erfolg.

Abstimmungsergebnis 1931

  • Neuendorf: 150 Ja / 28 Nein

  • Kanton: deutlich angenommen

Bereits 1932 fanden die ersten Reviersteigerungen statt.


4. Revier Nr. 40 – Neuendorf & Umgebung

Seit 1932 umfasst das Revier Nr. 40:

Gebiet

Umfang

Gemeinden

Neuendorf, Wolfwil

Weitere Gebiete

Teile von Kestenholz, Oberbuchsiten, Niederbuchsiten, Egerkingen, Härkingen, Fulenbach

Gesamtfläche

1880 ha

Waldanteil

ca. 550 ha

Reviervergabe

Alle acht Jahre wird das Revier neu versteigert.
Bevorzugt werden die bisherigen Pächter, sofern:

  • ein gutes Einvernehmen mit den Gemeinden besteht

  • der neue Pachtzins akzeptiert wird


5. Zeitstrahl – Die wichtigsten Etappen

1789–1800   Öffnung der Jagdrechte durch die Französische Revolution
1800–1918   Patentjagd, zunehmende Wilderei, Rückgang der Wildbestände
1918–1927   Leergeschossene Landschaften, gesetzliche Krise
1927        Erstes Jagdgesetz – kantonal abgelehnt
1931        Zweiter Anlauf – kantonal angenommen
1932        Erste Reviersteigerung im Gäu
1932–1940   Revier Nr. 40 von Berner Ärzten und Juristen gepachtet
ab 1940     Übergang an lokale Jagdgruppen – Beginn der modernen Jagdgesellschaften

6. Historische Anekdote

Bei der ersten Vergabe des Reviers lag der Jahrespachtpreis bei Fr. 2480.– – ein Betrag, der für die damaligen Gäuer Jäger offenbar zu hoch war.

So kam es, dass drei Ärzte und zwei Juristen aus Bern und Umgebung das Revier bis 1940 bejagten.

Ob die Gäuer in dieser Zeit lieber weiter wilderten, bleibt ungewiss.
Sicher ist jedoch: Erst nach 1940 erhielt eine lokale Jagdgruppe den Zuschlag – und damit begann die eigentliche Geschichte der heutigen Jagdgesellschaften im Gäu.


Schlusswort

Die Geschichte der Jagd im Gäu zeigt eindrücklich, wie eng gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und die Verantwortung gegenüber der Natur miteinander verbunden sind. Die Einführung der Revierjagd war ein Wendepunkt, der den Grundstein für nachhaltige Wildbewirtschaftung, geordnete Strukturen und die heutigen Jagdgesellschaften legte.

Was damals aus Notwendigkeit entstand, ist heute ein bewährtes System, das Wildschutz, Hege und Tradition verbindet.
Die Jagdgesellschaften des Gäus – darunter auch jene von Neuendorf und Wolfwil – tragen dieses Erbe weiter und gestalten die Zukunft der Jagd mit Respekt, Verantwortung und Gemeinschaftssinn.